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  • Sebastian Weidner

Alle (Führungs-)Kraft voraus!

Aktualisiert: Juli 12

Klettern und Unternehmen, wie passt das zusammen?

Welche Analogien und welche Gegensätze findet man hier?


In vielerlei Gesprächen mit Führungskräften und Kollegen über bildliche Beschreibungen von Organisationen treffe ich immer wieder auf die Vorstellungen eines "starken Kletterers", des "mutigen Bergsteigers" der einen "Berg erklimmt", eben jenes eines "starken Führers", der das "Team mitnimmt" und "mit gutem Beispiel vorangeht".


Warum diese Vorstellungen mehr als überholt und einem alten Heldenmythos anhängen, möchte ich im folgenden gern zeigen und damit meine eigene Metapher-Kiste "Alpinklettern & Führung" öffnen.


Klettern und Organisationen - Passt das überhaupt?


In meinem Verständnis, sehr wohl. Schauen wir uns die Beteiligten Ebenen, Personen & Umwelten im Klettern von Alpinem Gelände einmal genauer an:


Bestandteile der Organisation "Seilschaft":


Ein Paar oder mehrere Personen, die sich strategisch aus einem gemeinsamen Zweck zusammenschließen


Um einen Zweck zu erfüllen: Einen Berg/ einen Felsen oder eine Wand erklimmen


Mit dem Ziel: z.B. einer dieser Berge ist "unbestiegen" oder man möchte schlicht lebend dort oben ankommen, gegebenenfalls in einem bestimmten Zeitfenster


Mit der Struktur:


Sicherungspartner - Person der den "Vorsteiger" von dem Punkt aus sichert, an dem mit dem Klettern nach oben oder seitlich begonnen wurde. Zum "sichern" verwendet dieser spezielle Sicherungsgeräte durch die das Seil kontrolliert und blockiert werden kann. Räumlich wird somit von unten oder seitlich gesichert, aber auch von oben (sieh Vorsteiger)

Vorsteiger - der mit einem Seilende voraus klettert, das Seil in "Zwischensicherungen" wie vorhandene Haken im Fels oder selbst "anzubringende" wie Klemmkeile, Knotenschlingen oder anderes, bei einem Sturz "landet" der Vorsteiger z.B. meist in der letzten "Zwischensicherung". Sobald er einen Standplatz also eine zum Sichern geeignete Stelle im Fels, erreicht und eingerichtet hat, wird der Vorsteiger zum "Sicherungspartner" und die weiteren Kletterer können "nachsteigen". Somit wird dann "von oben" gesichert

und Nachsteiger zum Standplatz hin (siehe Bild) - die Person(en) die am letzten Standplatz den Vorsteiger sichert(en), bzw. Teil der Seilschaft sind. Räumlich gesehen sind Sie unter dem Sicherungspartner.


Und den Prozessen: Selbstorganisierter Wechsel zwischen Vorsteigendem, Sicherungspartner, Nachsteiger. Ein Vorsteiger wird am Standplatz zum Sicherungspartner und der nun nachfolgende Nachsteiger beim Erreichen des Standplatzes meist automatisch zum Vorsteiger (="Wechselseilschaft")


Mit einer Kultur: Meist identifizieren sich die Seilschaften sehr über die gemeinsamen Ziele und beteiligten Personen. Meist findet sich eine brutal-ehrliche Kommunikationskultur (vergleichbar mit "Radical-Honesty"), da Fehler auch schon mal schnell den Tod eines Kletterers oder der Seilschaft bedeuten können. Ebenso haben außenstehende Kletterer meist großen Einfluss auf die Seilschaft - So zum Beispiel Vorbilder berühmter Kletterer, aber auch nahestehende Seilschaften die den Berg bereits bezwugen haben und Informationen parat haben und vieles mehr

Dabei finden sich meist Personas zusammen: Diese können eine "Karriere" durchlaufen, wie beispielsweise sich Anfänger einem Erfahrenem anschließen und je nach Seilschaft-Kultur ihn/sie mit der Zeit in Wissen & Können möglicherweise übertreffen und dadurch u.a. stetige Rollenwechsel durchlaufen. Ebenso rotiert die Seilschaft auch mit anderen "Talenten" aus der "Klettererwelt", z.B. ist eine Person mit bestimmten Assets besser geeignet in Eis & Schnee-Terrain und eine andere Person besser für brüchiges (loses) Gestein in Felswänden. Die Seilschaft wechselt also auch gern und munter Ihre Mitglieder

Um die Organisation finden sich folgende Umwelten:


Die Gesellschaft: z.B. andere Kletterer, eine Alpinkletter-Community, usw.


Der Markt: Andere Felsen, Berge, Wänder die erklommen werden möchten, aber auch Grundstückseigentümer, der Naturschutz, Bergführer die manche Felsen "betreuen", genauso aber auch das Wetter hat mit den größten Einfluss usw.


Mit all diesen Bestandteilen ist die Organisation "Seilschaft" einer regulären Organisation also nicht weit entfernt und hat in Ihrem Tun sogar weit aus Vorbildcharakter hinsichtlich Selbstorganisation


Die Metapher -

Führung und Teams anhand des Alpinkletterns


Der erste "Twist" findet sich in der Belegung der Begriffe Team & Führung:


Der "starke Kletterer" der "Vorsteiger" bzw. "vorausgeht" ist eben NICHT die Führungskraft in einer Seilschaft. Er ist das eigentliche Team. Denn der "Sicherungspartner" hat die Kontrolle über das Seil und somit über den Handlungsspielraum des Vorsteigers. Im theoretischen Sinne, kann er somit sein Team (Vorsteiger) sogar hindern in unbekanntes Gelände weiter vorzudringen.

Das bedeutet also:


Sicherungspartner = Führungskraft


Vorsteiger = Team

Das "Projekt" - auf den Berg und wieder runter


Schon vor einem eigentlichen Beginn einer Besteigung einer Wand/ eines Berges etc. finden wir hier spannende Einblicke in die Selbstorganisation:

  • Die Seilschaft legt gemeinsam fest wer, wo, wie und wann eine Wand besteigt

  • Dabei werden vorab alle bekannten Informationen zusammengezogen: Zustieg zum Wandfuß, Umgebung in der diese Wand liegt, Wandkonstellation (Felsbruch, festes Gestein etc.), Wetterberichte, Berichte der zuständigen Bergführer/ Organisationen wie DAV & co, Topographie der Wand (Topos), wo finden sich Standplätze, wo müssen wir entlang, wo kommen wir oben an, wo müssen wir oben weiter, wo ist der Abstieg, was sind markante Merkmale der Wände, des Abstiegs usw.

  • Alle möglichen unbekannten Informationen und Situationen werden auch besprochen (siehe Bild): Was machen wir bei einem Wetterumschwung? Wo ist ein "point of no return", bei dem wir nur noch so schnell wie möglich auf den Berg hoch sprinten, anstatt uns über längere Zeit abzuseilen? Was passiert bei einem Unfall? Was machen wir wenn wir uns "verklettern" und in einer falschen Route landen? Was tun wir, wenn wir den Abstieg nicht finden? Welches Material brauchen wir für diese zusätzlichen Situationen? usw.

  • Team und Führungskraft müssen sich teils "unangenehme Fragen" gefallen lassen: Ist dir diese Umgebung bekannt, wie sicher fühlst du dich dort? Hast du Erfahrung mit XYZ-Sitatuionen? Was sagt dein Bauchgefühl zu den Herausforderungen, fühlst du dich dem gewachsen? Wer könnte stattdessen diese Herausforderung lösen? An wen könntest du mich verweisen?

  • Das Team wählt seine Führungskraft explizit selbst aus: Bei nicht vorhandener "Passung" oder "Eingeschwungenheit" kann das hier schonmal im Extremfall den Tod der Beteiligten und der Seilschaft bedeuten

Auch während der Besteigung und des Abstiegs einer Wand finden sich allerhand Eigenheiten der Selbstorganisation einer Seilschaft:

  • Mitten in der Wand ist Kommunikation das A und O der "guten Schule": Es kann verdammt eng am Standplatz sein (siehe Bild), Handgriffe bzw. Aufgaben müssen "sitzen", jedes Teammitglied, als auch die Führungskraft ist im Wissen was zu tun ist, auch die Zeit ist immer im Blick, insbesondere bei aufziehenden Wetterwechseln und oft muss man mehr Zeit einplanen um das "Projekt" abzuschließen, also vom Berg herunter zu kommen - Damit ist oft deutlich größerer Fokus auf dem vermeintlich "unspektakulären Teil", dem Abstieg

  • Zugleich ist aber oft die Kommunikation schlicht nicht möglich: Es ist blindes Vertrauen der Führungskraft (Sicherungspartner) in sein Team (Vorsteiger) nötig - Wer ist Schuld daran? Der "Markt" in Form des Wetters - Oft ist in mehreren hundert Metern Höhe bei Wind, Böen und co, an eine verbale Kommunikation nicht zu denken. Da kann man sich schon einmal die Stimme aus dem Hals schreien und es kommt beim Team (Vorsteiger) nicht im Ansatz an. Gleichzeitig offenbart sich damit auch die große Verantwortung füreinander, man muss sich dafür nonverbal helfen können und darauf vertrauen können

  • Die Seilschaft arbeitet oft nonverbal miteinander: Zum Beispiel mit vereinbarten Aktionen bei Zielerreichung (z.B. des Standplatzes oder Gipfels) - Von oben wird das Seil am Standplatz solange "eingeholt" (hochgezogen), bis es die noch unten wartenden Führungskraft selbst straff am eigenen Leibe spürt - sie ist in das andere Seilende eingebunden. Ergo, die Persona ist nun sicher im Wissen zum "Nachsteiger" werden zu können und zum Standplatz über ihr aufzuschließen. Ähnliches passiert auch beim Abstieg eines Berges/ einer Wand.

  • Das Team muss sich über seine Tools und Freiheiten bewusst sein und wenn notwendig, weitere anfordern: Die wichtigsten Tools des Vorsteigers sind seine Erfahrung, sein Können und seine Ausrüstung in Form von Klemmkeilen, Seilschlingen und anderen Zwischensicherungen. Setzt das Team diese nicht gezielt ein, so dass z.B. keine Klemmkeile zur Sicherung in der Wand "gelegt" werden (siehe Bild), bringt es sich selbst und ebenso seine Führungskraft in Gefahr. Es ist hier also eine laufende "Selbstreflexionsschleife" am laufen: Was können wir tun, mit welchen Mitteln, bis wohin, bis wann usw. Im Idealfall bezieht das also das eigene Können, die Tools, die Kollegen und die Führungskraft mit ein. Das geht soweit, dass bei etwaigem "nicht mehr weiter wissen" eine geeignete Stelle gesucht werden sollte um einen neuen Standplatz zu errichten und den Nachsteiger (Führungskraft) nachzuholen und sich gemeinsam neu zu beraten

  • Höchtes Vertrauen ineinander und Verantwortung füreinander: In manchen Fällen kann es passieren, dass nach 60 oder mehr Metern (je nach Seillänge) das Team (Vorsteiger) noch immer weiter nach oben klettern möchte, neues Terrain erforschen will, anstatt einen sicheren Standplatz zu errichten und die Führungskraft nachkommen zu lassen - Warum? Das Terrain oder das Feld auf dem sich das Team bewegt kann schlicht so unbekannt sein, dass ein Standplatz übersehen wird, man sich verklettert hat oder der rettende Standplatz noch weitere 10 Meter entfernt ist - Aber das Seil kann ja nicht länger als die z.B. 60 Meter lang sein oder? - Ja und damit kommt die Führungskraft UND das Team in eine brisante Situation: Die Führungskraft kann ihr Team einbremsen und nicht weiterlassen, da ja kein Seil mehr zur Verfügung steht. Das Team hängt somit wie ein bellender Hund an der strammen Leine, eine der gefährlichsten Situationen überhaupt, denn vielleicht fehlen die erwähnten letzten Meter bis zum rettenden Standplatz. Also tritt hier der Sonderfall ein, dass die Führungskraft aus Ihrer Sicherungsposition heraus MUSS und ZEITGLEICH ins Klettern mitkommen MUSS. Sie kann schließlich nicht wissen, was dem Team gerade widerfährt. Gleichzeitig hat das Team damit auch eine immense zusätzliche Verantwortung für die Führungskraft bekommen. Stürzt in dieser gleichzeitigen Kletterei eine der beiden Parteien ab, kann das gefährliche Konsequenzen für beide haben, da ein sicherer Standplatz nun fehlt und nur noch Zwischensicherungen die Seilschaft "im Projekt hält" anstatt deutlich sichere Standplätze


Alpinklettern ist VUCA pur

Letztlich bin ich der Meinung, dass sich Team und Führungskraft in dieser Form immer wieder in eine volatile, unsichere, komplexe und mehrdeutige Situation (VUCA) bringen.

Beide müssen laufend Selbstreflexionsschleifen durchlaufen, voneinander und miteinander lernen, Fehler minimieren und immer wieder zu neuem, unbekanntem Terrain aufbrechen.

Und ja, am Ende ist eine solche Seilschaft ob Metapher für Organisationen oder in der Realität auch mal gut um eine Zusammenarbeit, die Generationen überschreitet zu fördern. (siehe Bild)


Also, egal ob Vor-/ Nachsteiger, Sicherungspartner - Alle (Führungs-)Kraft voraus!


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